Die Verantwortung beginnt vor dem Hundekauf
Man kann das Thema Hunde-Produktion aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Was muss eine verantwortungsvolle Zuchtstätte leisten? Welche Rechte haben Verkäufer und Käufer? Gewährleistung, Nachbesserungsrechte und Gentests? Adopt don’t shop? Importe oder heimische Tierschutzhunde aus lokaler Produktion? Gibt es verlässliche Gütesiegel für ein Tier? VDH? Alle anderen sind Ramsch? Erst recht, wenn keine Rassehunde produziert werden?
Ich möchte gerne die andere Seite ansprechen: die Käuferseite. Die Verantwortung, die Menschen tragen, die vorhaben, sich einen Hund anzuschaffen. Denn heutzutage kann man meines Erachtens die Unschulds- oder Naivitätsvermutung nur begrenzt nutzen, um zu erklären, warum so viele Hunde aus äußerst fragwürdigen Quellen bezogen werden. Es gibt haufenweise Betrugsmaschen, unzählige Artikel über Wühltischwelpen und Hinterhof-Vermehrungen. Dass diese Geschäftsmodelle immer noch praktiziert werden, liegt auch daran, dass Welpen aus diesen Produktionsstätten Abnehmende finden.
Ich stelle mir das ungefähr so vor: Abends auf der Couch scrollt man sich etwas durch die Kleinanzeigen. Nur mal gucken. Hunde sind ja schon cool und der Thomas hat ja auch einen. Niedliche Welpen in allen Formen und Farben, Seiten um Seiten. Hobbyzuchten, Ups-Würfe, traurige Geschichten und grandios klingende Zuchten. Man bekommt Rasse-Welpen, coole Mixe, für etwas mehr Geld auch Designerdogs. Niedliche bunte Welpen für 150 bis 300 Euro. Selbstverständlich entwurmt, geimpft und gechipt mit Impfpass. Schnäppchen! Ach, warum nicht… mal anschreiben…
Nur dass allein das Chippen, die Grundimmunisierung und die Ausstellung des Impfpasses selbst im einfachen Satz – den keine rentabel arbeitende tiermedizinische Einrichtung nehmen kann – 160 Euro kostet. Üblich sind Kosten um die 250 Euro. Ich schreibe es einmal GANZ klar: Wenn ein Hundewelpe unter 300 Euro kostet, dann hat er keine ausreichende Versorgung erhalten. Selbst wenn man wegen der Liebhaberei die Gesundheitstests zu den Elterntieren und die etwa acht Wochen durchgehende Arbeit nicht mit in die Rechnung aufnimmt, kommen zu den 250 Euro die Energie- und Verbrauchskosten (acht Wochen Waschmaschinen-Dauerlauf!), die Unmassen an Futter für die Mutterhündin und die Welpen und die Entwurmungen.
Auf den eingestellten Bildern sind keine erwachsenen Tiere zu sehen oder die Bilder zeigen erwachsene Tiere ohne die angepriesenen Welpen, die Mutter oder Vater sein sollen. Und selbst wenn. Der Welpe kann gebracht werden. Man kann sich auf halber Strecke treffen. Keinen interessiert, wohin der Welpe verkauft wird. Und wenn doch, dann sind glücklicherweise alle kritischen Lebensumstände oder die spontane Entscheidung auf der Couch, die selbstverständlich ganz transparent kommuniziert wurde, gar nicht so entscheidend. Einen Kaufvertrag braucht es nicht. Das Geld kann bar übergeben werden. Paypal geht. Der Kontakt läuft über WhatsApp oder nur über das Anzeigenportal. Dort ist der Verkaufsname nicht der Klarname. Besuchen geht leider derzeit nicht. Die Elterntiere? Fotos von den ersten Wochen? Joah.
Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten, ohne jegliche Kontrolle Hunde (und andere Tiere) zu produzieren und dabei nicht einen Funken Sorgfalt walten zu lassen. Aber es geschieht nur (wenn wir von Fällen des Animal Hoardings absehen), wenn es auch Abnehmende für diese Welpen gibt. Genau das ist der Knackpunkt. Alle zukünftigen und existierenden Verbote und Kontrollen werden nur dann wirklich etwas bewirken, wenn gleichzeitig Keine*r mehr kauft. Und ja, das bedeutet auch, dass man keinen Welpen aus dieser beschissenen Lage „retten“ kann, indem man ihn trotzdem kauft. Den Produzierenden ist es im Falle des Falles völlig egal, was die Motivation für einen Kauf ist – Geld ist Geld. Ist die Lage tatsächlich beschissen, ist der richtige Weg eine Meldung beim lokalen Veterinäramt.
Hier sind ein paar Grundregeln, wenn man sich einen Welpen / Hund zulegen möchte:
ÖRTLICHKEIT
Der Hund MUSS in seinem Lebensumfeld zu besuchen und besichtigen sein. Kein Weg führt daran vorbei, diese Reise auf sich zu nehmen. Dieses Umfeld muss auch unbedingt darauf kontrolliert werden, ob es tatsächlich der Ort ist, an dem sich das Leben des Hundes bis dahin abgespielt hat. Steht nur ein Körbchen in der Ecke? Wo sind die Näpfe? Gibt es Utensilien, die zu einem Hundehaushalt gehören? Findet der Hund sich zurecht – kennt er seine Umgebung? Ein Besuch muss drin sein.
Warum? Anders als bei einem Auto sagen die Lebensumstände in den ersten Wochen eines Welpen alles darüber aus, ob das Tierwohl im Fokus stand. Der Kauf eines Tieres beinhaltet in meinen Augen die Verantwortung, die Produktionsstätte zu überprüfen. Dabei geht es nicht darum, dass Welpen immer in rosa Plüsch aufwachsen müssen – aber es muss erkennbar sein, dass auch die Elterntiere (oder wenigstens die Mutter) gut gehalten werden.
KAUFVERTRAG
Es MUSS einen Kaufvertrag geben, in dem die tatsächlichen Daten von verkaufender und kaufender Partei eingetragen sind. Ein papierner Kaufvertrag bindet rechtlich und lässt sich viel leichter juristisch durchsetzen als ein mündlicher. Nur in dieser Variante kann man im Rahmen der Möglichkeiten Daten überprüfen und erhalten. Die Bitte um Abgleich mit dem Personalausweis muss drin sein.
Warum? Eine produzierende Person sollte daran interessiert sein, dass die Übergabe des Hundes rechtlich einwandfrei über die Bühne geht. Knebelklauseln und unhaltbare Einschränkungen sind Blödsinn, aber die Aufnahme aller relevanten Daten zu den Parteien und dem Hund sind in beiderseitigem Interesse. Wer sich nicht einmal die Mühe macht, so einen Vertrag zu gestalten – oder ihn gar meidet, ist in meinen Augen nicht vertrauenswürdig.
IMPFPASS
Der Hund besitzt einen Impfpass und ist gechipt. Die Angaben im Pass stimmen – Namen mögen Schall und Rauch sein, aber die Rasse / Fellfarbe / das Geschlecht / das Geburtsdatum sollten Sinn ergeben. Idealerweise ist die produzierende Person als 1. Besitzer eingetragen und die Daten stimmen mit denen aus dem Kaufvertrag überein. Die Impfungen sind aktiv und ergeben Sinn. Der Stempel der veterinärmedizinischen Praxis ergibt Sinn (PLZ?). Chiplesegeräte gibt es auf Amazon für unter 20 Euro. Die Chipnummer ist in den Impfpass eingeklebt und stimmt mit der im Tier überein. Die Überprüfung muss drin sein.
Warum? Der Impfpass bezieht eine dritte Partei mit ein, nämlich die Tierärztin oder den Tierarzt. Durch Stempel und Unterschrift geht auch diese Person Verpflichtungen ein, die das Wohl des Hundes betreffen. Außerdem hat man imfall eine Anlaufstelle – denn bei den ersten Untersuchungen wurde festgehalten, ob es Auffälligkeiten gab. Der Pass zeigt auch, dass die produzierende Person ihre Verantwortung ernstgenommen hat und dem Welpen den besten Start in sein neues Leben ermöglichen möchte. Der Impfpass als Dokument wird immer wieder gefälscht, Entschuldigung, verwechselt. Dokumentenfälschung und Impfschwurbelei sind nicht vertrauenswürdig.
GESUNDHEIT

Der Hund ist gesund. Er ist aktiv, hat keinen Ausfluss aus Nase oder Augen. Die Ohren sind mehr oder weniger sauber. Der Bauch ist weich, der After unverschmiert. Kein Durchfall. Der Hund läuft normal und nutzt alle Extremitäten gleichermaßen. (Selbstverständlich sind Welpen tapsig und in der Aufregung über eine neue Person zeigen sie nicht unbedingt jedes Wehwehchen, aber alle vier Beine sollten genutzt werden.) Das Fell ist unverschmutzt und ohne Verklebungen, kahle Stellen. Die produzierende Person kann sagen, wie der Welpe sich entwickelt hat (und ggf. sogar Daten zeigen), je transparenter sie ist, desto besser: Die erste Entwurmung brachte Spulwürmer. Cool. Bei der Gewichtszunahme war er nicht der Schnellste. Nice. Ist mal vor ein Stuhlbein gerannt, hat gehumpelt, aber nach Absprache mit der Vetmed-Praxis wurde das beobachtet und war am nächsten Tag vergessen. Geht klar. War der lauteste Sänger im ganzen Wurf. Ooookaaaaay.
Warum? Kein halbwegs vernünftiger Mensch gibt einen Welpen heraus, der nicht gesund ist. In einer guten Produktionsstätte wurde genügend Zeit mit den Welpen verbracht, um ihre individuellen Geschichten der ersten Lebenswochen zu kennen und es wird klar darüber gesprochen. Alles andere ist nicht vertrauenswürdig.
Das ist – in meinen Augen – das absolute Minimum. Ich habe lange überlegt, ob ich auch die Gesundheitsprüfung der Elterntiere mit aufnehmen sollte – aber das ist förmlich ein eigener Artikel. Wenn ich davon ausgehe, dass Personen, die Welpen kaufen, nicht auch Expertise in der Auswertung von Gentests, Röntgenbildern oder Stammbäumen haben, das Verhalten adulter Tiere, ihren Gesundheitsstatus und ihre Interaktionen mit den Menschen, bei denen sie leben, nicht zuverlässig einschätzen können müssen sollten (puh), dann bleiben die obigen Punkte.
Ein Hund ist, wenn es um das Kaufen geht, vor dem Gesetz ein Konsumgut. Ansonsten ist er ein Lebewesen, das die nächsten ein bis zwei Jahrzehnte (ich schreibe das nochmal anders: 10-20 Jahre!) das Leben begleiten soll. Jahrzehnte! Wie sinnvoll ist es, Billigware zu kaufen, die dann halten muss – denn wenn der Hund einmal im Besitz ist, ist man im Sinne des Tierschutzgesetzes verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass der Hund weder Schmerzen, noch Leiden oder Schmerzen hat, muss ihn artgerecht halten und versorgen. Das bedeutet auch, dass man die veterinärmedizinischen Kosten stemmen können muss. Die werden mehrere tausend Euro umfassen. Im Schnitt.
Kann das alles auch mit einem Schnäppchenhund gutgehen? Ja, klar. Dann – so finde ich – lebt man allerdings auch damit, dass man sein Schnäppchen auf Kosten der Hunde betrachten sollte, die nun weiter für das schnelle Geld leiden und produzieren müssen. Ich wäre also auch dafür, dass man das für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre nicht vergisst. Klingt gemein?
Nun… wer in der heutigen Zeit, bei dem Zugang zu Wissen und all den aufklärenden Kampagnen beim Kauf eines Lebewesens die Priorität auf den eigenen Geldbeutel, Couch-Launen und Faulheit legt, ist es auch.